Hat die Haaner Kerb eine jahrtausendalte Tradition?

von Roger Heil und Manfred Hester
geschrieben für das Kerbheft 2008

Hat die Haaner Kerb eine jahrtausendalte Tradition? Angesichts der Tatsache, dass wir in diesem Jahr die 290. Haaner Kerb feiern, mag diese Frage merkwürdig anmuten. Dass die Haaner Kerb als ein Kirchweihfest eine längere Tradition als 290 Jahre hat, daran bestehen keine Zweifel. Schließlich wurde schon Mitte des 10. Jahrhunderts an Stelle der heutigen Burgkirche eine kleine Kapelle für unsere gekrönten Staatsoberhäupter in dem damaligen königlichen Jagdhof dem heiligen Pankratius geweiht.

Darüber hinaus lässt vor allem die Kerbverbrennung die Vermutung zu, dass einige Haaner Bräuche noch viel älter, also heidnischen Ursprungs sind. Anlass zu dieser These gibt die allemanische „Fasnet“. Die im heutigen Süd-Baden noch praktizierten Fastnachtsbräuche zeugen nämlich von einer überraschenden Übereinstimmung mit der Haaner Kerb. Hier wie da beginnt das Fest mit dem Aufstellen eines Baumes und dem Anbringen einer Puppe. Und übereinstimmend markiert das Verbrennen der Puppe mit abschließendem Überspringen des Feuers das Ende des Festes. Und überraschenderweise zählte früher ein Narr mit entsprechendem Gewand zu den Kerbborschen. Noch vor 100 Jahren ging er den Kerbborschen bei Umzügen mit einer Ratsche voran, um ihnen den Weg freizumachen. War dieser Narr ein Nachkomme des „Wilden Mannes“, der in der Vorstellung allemanischer Volksstämme als „Winterdämon“ galt?

Von der allemanischen „Fasnet“ jedenfalls sind die Ursprünge der noch vielfältigen Bräuche weitgehend bekannt. Sie führen sämtlich in vorchristliche Zeiten. Anlass genug einmal das Brauchtum der Kelten, der Urbevölkerung unserer Heimat, näher zu beleuchten.

Zunächst einmal möge die Feststellung hilfreich sein, dass fast alle christlichen Feiertage einen heidnischen Ursprung haben! Und die Haaner Kerb ist kein Volksfest, sondern ein Kirchweihfest, das heute mit dem evangelischen Christentum verbunden ist. Es gilt also, einen keltischen Feiertag zu finden, der Parallelen zur Haaner Kerb zulässt.

Diesen Feiertag gibt es tatsächlich. Er nennt sich „Beltaine“ und steht für „Feuerfest“. Gefeiert wurde er in der Nacht zum heutigen 1. Mai. Zu dieser Zeit war im Winterhalbjahr die Dunkelheit nicht nur angsteinflößend, weil die Nacht länger als der Tag andauerte, sondern mit ihr auch die bösen Geister der Finsternis einhergingen. Daher waren die Menschen froh darüber, wenn die „Winter-Tagundnachtgleiche“ verkündete, dass die Nacht endlich nicht mehr länger als der Tag andauerte.

Viele der Beltaine-Riten leben heute nicht nur im Rahmen von Fasching oder Ostern sondern auch in der Walpurgisnacht und in Maibräuchen fort. Beltaine ist der Übergang vom Frühling zum Sommer und bedeutet “leuchtendes Feuer” oder “Feuer des „Belenos“. Es fand zu Ehren des keltische Lichtgottes Belenos statt, dem Gott über Leben und Tod. Es ist ein Fest der Reinigung und der Fruchtbarkeit, der Zeit der Stärke und Reife. Der Gang zwischen zwei Beltaine-Feuern im Frühjahr und im Herbst reinigte und hielt Seuchen fern.

Deshalb feierten unsere Vorfahren schon vor 3.500 Jahren diese Nacht. Sie gingen in eine Waldlichtung und entzündeten dort ein großes Feuer. Sie tanzten die ganze Nacht um das Feuer herum, sangen und tranken, meist Met, einen honighaltigen Wein. Gegen Sonnenaufgang verschwanden Pärchen und solche, die sich gefunden hatten im Wald und liebten sich, um neues Leben zum Zeitpunkt des Neubeginns zu zeugen.

Erste Parallelen zur Haaner Kerb tun sich auf: Noch im 19. Jahrhundert suchte sich jeder Kerbborsch ein Kerbmädchen, mit dem während des Festes (nicht nur?) getanzt wurde. Sofern hieraus keine Zwänge resultierten, wurde nach ein bis zwei Jahren häufig die Ehe eingegangen (vgl. Kerblied „Kerbborsch, Kerbborsch du alleine“).

Symbole des Beltaine-Festes waren und sind Feuer, Blumen und Maibäume. Kerbbaum und Feuer sind noch heute Symbole der Haaner Kerb. Und Blumen waren es auch bis vermutlich ins 19. Jahrhundert, als noch ein Kranz aus Blumen von den Kerbborschen mit ihren Kerbmädchen unter Mitwirkung der Kinder für den Kerbbaum geflochten wurde.

Was wir heute als Kerbbaum oder in südlichen Regionen Deutschlands als Maibaum bezeichnen, war zur Zeit der Kelten ein namenloser, geschälter Eichenstamm. Er wurde an traditionellen Stätten, meist am Thingplatz, aufgestellt. Er galt als Repräsentant des Weltenbaums, an dem der Schamane durch die Welten reist. Denn zu Beltaine steht im Verständnis der Kelten die Anderswelt offen. Daher ist der Vorabend zum 1. Mai, die Walpurgisnacht, ein magisches Datum – bekanntlich das Fest der Hexen oder Weisen Frauen.

Der Kerbbaum war zugleich auch ein Fruchtbarkeitssymbol (Phallus). Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn die Kerbborsche mit dem Aufstellen des Baumes den Beginn der Kerb markieren, spekulieren die zahlreichen Schaulustigen noch immer, ob sie ihn hochkriegen. Die gestandenen und potenten Herren des Fahnenjahrgangs 2008 sind mit Sicherheit hingerissen, wenn er unter Mühen und Leidenschaft endlich steht und sie die Gewissheit haben, dass er der Längste aller Zeiten ist!

Der archaischste Brauch, den die Haaner Kerb den Besuchern gemeinhin zu bieten hat, ist die Kerbverbrennung. Wenn die Flammen vor der Turmburg lodern, kommt kein anderes Ritual dem keltischen Belatine-Fest näher. Das Feuer, wie auch das Verbrennen der Strohkreuze und der Kerbpuppe, stehen am Ende des fröhlichen Festes für den eigentlichen und ursprünglichen Zweck: das Vertreiben des „Alten”, um dem „Neuen” Platz zu geben.

Im Hain hat sich das schlichte Feuer in seiner Ursprungsform erhalten. Später wandelnden sich die Feuer in anderen Regionen zum Scheibenfeuer mit dem Brauch des Scheibenschlagens oder zu Feuerrädern, besonders in Bergregionen, um den dunklen Gestalten der Finsternis zum Ende des Winters Angst einzujagen und sie zu vertreiben.

Früher tanzten halbnackte Hexen um das Feuer, heute springen Haaner Kerbborsche über die Flammen. Dabei ist über die Jahrhunderte hinweg das Bewusstsein verloren gegangen, dass auch der Sprung über das Feuer den Neubeginn eines neuen Jahres verkörpert. Alles, was nicht im alten Jahr erledigt wurde, was Kummer und Belastung bedeutete, wurde so „verbrannt”, denn der Neubeginn sollte ohne Sorge und ohne Belastung sein!

Basis des „Brandherdes“ sind fünf Strohkreuze. Die Anzahl hat sich im Verlauf der Zeit verändert. Nach dem heutigen Verständnis stehen sie für die Anzahl der Kerbtage. Nur stellt sich dann die Frage, mit welcher mathematischen Methode diese Summe gebildet wurde, ist doch die Kerb heute einen Tag länger, als es die Kreuze andeuten.

Vermutlich wurde in den vergangenen Jahrzehnten bei Verlängerung der Kerb um den Mittwoch oder um den Freitag ein weiteres Kreuz hinzugefügt. Ein Foto aus dem Jahr 1933 belegt jedenfalls, dass ursprünglich auch im Hayn vier Kreuze verbrannt wurden. Denn eigentlich versinnbildlichen die Strohkreuze die vier Elemente. Die Zahl „Vier“ ist im alten Glauben etwas sehr Heiliges. Das ebenfalls jahrtausendalte Kreuz versinnbildlicht alles, was dem Menschen und der Natur wichtig ist. Vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, vier Elemente, im alten Glauben vier Hauptsünden und vieles mehr, was aus der vier kommt oder mit vier zu tun hat. In manchen Gegenden ist es daher heute noch Brauch, vier Strohkreuze zu verbrennen.

Ältere Haaner bezeichnen die Strohkreuze auch als Strohmänner. Diese versinnbildlichen die bösen Geister, welche vertrieben werden sollen.

Nochmals im selben Zusammenhang steht die Kerbpuppe, die mit den Strohkreuzen in den Flammen untergeht. Solche Puppen wurden unter den Kelten immer nur durch einen Priester zum Zeichen der Vergänglichkeit – damit war auch das vergangene Jahr gemeint -verbrannt.

Puppen durften ursprünglich immer nur von Männern gefertigt und verbrannt werden, da in der alten Zeit noch eine patriarchische Herrschaftsform bestimmend war. Die Männer hatten das Sagen. Frauen räucherten indem sie Kräuter verbrannten und symbolhaft etwas ins Feuer warfen, deren Bedeutung nur sie kannten.

Jeder Mann aus seiner Sippe konnte seine Puppe bauen, aber erst nachdem er zum „Manne” geschlagen war. Dies war in den einzelnen Sippschaften sehr unterschiedlich. In manchen musste ein Junge ein großes Tier erlegen, in anderen musste er sich im Zweikampf behaupten. Im Hain ist zwar das Patriarchat untergegangen, erhalten geblieben ist dieser Brauch aber dennoch. Denn unverändert sind die Haaner Kerbborsche stolze Mannsbilder geblieben. Normalerweise stehen sie an der Schwelle zur Volljährigkeit, also zum Erwachsenwerden, und haben damit auch das musterungsfähige Alter erreicht. Die inzwischen traditionelle Kerbborsche-Taufe im Burgweiher verfolgt zwar das gleiche Ziel, wird aber erst seit wenigen Jahren praktiziert.

Während dem Anfertigen der Puppe packten die Männer alle alten Wünsche hinein, die sich in der Vergangenheit nicht erfüllten. Dahinter stand die heute immer noch sinnvolle Überzeugung, keinen alten Vorsätzen hinterher zu trauern, sondern diese zu „verbrennen” – vergessen – und sich neuen Wünschen und vor allem Zielen, die jeder für sich behielt und nicht preisgab, zuzuwenden.

Es sind viele Bräuche der Haaner Kerb, die bis in die Neuzeit bewahrt werden konnten und seit Jahrtausenden gepflegt werden. Die Hintergründe, der Sinn mancher Rituale geriet in Vergessenheit. Und mit dem aufkommenden Christentum kamen neue Traditionen hinzu, so die Kirchweihe.

Im Mittelpunkt der Kirchweihfeste standen im frühen Mittelalter im Gegensatz zu den keltischen Bräuchen eher nüchterne Weihehandlungen wie zum Beispiel Altarwaschung, Salbung oder Beisetzung von Reliquien. Gefeiert wurde die Kirchweihe in Dreieichenhain seit dem 10. Jahrhundert am 12. Mai, dem Pankratiustag. Nur wenige Tage zuvor wurde wohl im Gebiet Dreieichenhains unverändert Beltaine oder auch die Walpurgisnacht gefeiert.

Im hohen Mittelalter vollzog sich allmählich der Wandel der Kirchweihfeste von einem religiösen zu einem mehr weltlich geprägten Fest. Bei der ersten urkundlichen Erwähnung der Kerb im Jahr 1562 durch den Hainer Pfarrer Valentin Breidenstein muss dieser Umbruch jedenfalls vollzogen gewesen sein. Denn er beklagte sich damals über den mangelnden kirchlichen Anspruch, denn die Kerb artete allzu oft in Trinkgelage mit anschließenden Rangeleien aus. Na ja, man muss schon zugeben, dass 446 Jahre später des Pfarrers Klage an Aktualität nicht ganz verloren hat.

In diesem Zeitrahmen muss es durch die zeitliche Nähe – zwischen Beltaine und dem Kirchweihfest lagen nur zehn Tage – zu einem Zusammenwachsen beider Feste gekommen sein. Möglicherweise überforderten alsbald zwei Trinkgelage innerhalb weniger Tage die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung. Aber nur so ist zu erklären, dass keltische Riten im großen Umfang Eingang in das Brauchtum der Haaner Kerb gefunden haben.

Wiederum offenbaren sich Verknüpfungen mit der Gegenwart: Noch immer kann man die Urbevölkerung, den sogenannten Haaner, mit einem Trinkgelage zur Teilnahme an einer (nicht nur) religiösen Veranstaltung locken.

Vom Mittelalter bis zur Neuzeit gesellten sich so manche Bräuche hinzu. Über deren Entstehung ließe sich noch Vieles berichten, von der Kerbfahne über Morgensegen und Feuerwerk bis hin zu den Heckenwirtschaften.

Andere Traditionen gingen verloren, so das Hammelschießen und der Gickelschmiß, die Nachkerb, die Kerbspezialitäten Breitrand und Bocksbraten und tausende von Kerzen, die noch vor wenigen Jahrzehnten auf Fensterbänken und auf dem Burgweiher brannten. Zur näheren Beschäftigung mit all diesem älteren, jüngeren und verlorenen Brauchtum seien die Festschrift zur 275. Haaner Kerb (1993) und die Homepage der „Interessengemeinschaft Haaner Kerbborsche“ empfohlen.

Jede Zeit trägt neue Rituale zur Haaner Kerb bei. Der Fahnenjahrgang 2008 will hier keine Ausnahme sein. Die Hoffnung ist groß, dass der in diesem Jahr erstmals initiierte Wettbewerb der Fahnenschwenker in Jahrzehnten noch als beliebter Brauch gepflegt wird!

Verbundenheit und Gemeinsamkeit der Hainer Bevölkerung und der Haaner Kerbborsche konnten der Haaner Kerb trotz aller Tiefen, die die Geschichte in den vergangenen Jahrhunderten bereit hielt, und trotz der Lage in einem sich globalisierenden Ballungsraum bewahren. Das war schon in der Vergangenheit so, als der Landgraf im nahen Darmstadt den Versuch unternahm, alle Kirchweihfeste auf zwei Tage zu beschränken und in den Herbst zu verlegen. Er scheiterte wie einst Caesar an einem kleinen keltischen Dorf. In ganz Süd-, Ober- und Rheinhessen, des Landgrafs ehemaligem Imperium, findet einzig in Dreieichenhain die Kerb nicht im Spätsommer oder Herbst statt!

Dem Landrat des Kreisamtes Offenbach erging es nicht besser, als er anordnete, die Kerb von Pfingsten (die Kerb wurde 1777 vom Pankratiustag auf den Pfingstsonntag verschoben) weg zu verlegen. Hintergrund für diesen maßlosen Angriff auf das Haaner Traditionsbollwerk war die Tatsache, dass damals an Pfingsten gleichzeitig Konfirmation gefeiert wurde und allzu viele Konfirmanden nicht im nüchternen Zustand in der Stadt anzutreffen waren.

Und wenn in diesem Jahr die Neubebauung des städtischen Burghofgeländes neben dem Festplatz den Fortbestand der Haaner Kerb gefährden sollte, wird einmal mehr die Obrigkeit am Widerstand von Bevölkerung und Kerbborschen scheitern müssen!!!

Es gilt, eine 3.500 Jahre alte Tradition zu bewahren. In einem zunehmend traditionsleeren Rhein-Main-Gebiet, in dem allenthalben vergleichbare Bräuche Fortschritt und Gleichgültigkeit geopfert werden, kommt den Haaner Kerbborschen eine umso größere Verantwortung zu.

Was sagen uns die keltischen Traditionen? Nutzt die Haaner Kerb zum Verbrennen Eurer Probleme und unerfüllter Vorhaben und zum Arbeiten an neuen Vorsätzen! Ist das nicht erstrebenswert für ein erfülltes Leben?

Die alte Zeit lässt uns übrigens selbst beim Feiern nicht alleine. Wenn der Kerbvadder beim „zicke, zacke, zicke, zacke“ „Was trinken wir?“– fragend in die Runde brüllt und die Kerbborscheschar „Bier“ zurückschmettert, sind unsere keltischen Vorfahren noch immer beteiligt. Denn die Kelten maßen dem Bier, damals noch „Alu“ genannt, eine das Übel abwehrende Funktion bei.

Zeit bis zum Bieranstich 2017:

69 Tage - 9 Std. 20 Min.

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