Isenburg-Birsteinische "Fest-Ordnungen" des 16. Jahrhunderts

Der Darmstädter Hofprediger Friedrich Wilhelm Berchelmann erhielt im September 1737 einen anonymen Brief, dem die Beschreibung einer Kirmes mit einer Schilderung aller damit zusammenhängender Schäden beigefügt war. Dieses Begleitschreiben war überschrieben mit “Species Facti des gegenwärtigen im Schwang gehenden Kirmessenwesens auf dem Lande” und hatte eine ausführliche Beschreibung des Treibens auf einer Kerb (Kirchweih) zu Inhalt. Da anzunehmen ist, daß in unserer Gegend seinerzeit die Kirchweih in allen umliegenden Orten – namentlich in der Grafschaft Isenburg-Birstein – so oder ähnlich gefeiert wurde, soll nun der Text im Wortlaut, vom Standpunkt des Betrachters aus und leicht gekürzt, folgen.

Der Beschwerdeführer schreibt:

1. Die Kirmessen sind das üppigste Wesen, das man sehen mag. Der Anfang darzu wird gemacht durch einen höchst-thörichten und lächerlichen Aufzug mit gemahlten Hüthen. Wann sie an den Ort kommen, so wird eine dreyfache Salve gegeben, und hierauff wird der Tanz oder vielmehr das Gehüpfe und Gespringe … unter beständigen Aufspielen von Geigen und Waldhörnern fortgeführet.

2. Der Ort ist unter dem freyen Himmel unter einem Bau, den sie im Dorffe haben … und mit Bändern zieren. Des Abends aber, wenn es Regenwetter ist, auff dem Rathhauße unter dem beständigen Zulauff des ganzten Dorffs.

3. Die Zeit ist vom Mittwoch inclusive Tag und Nacht an einem Stück fortwährend biß den Sonnabend ebenfals inclusive, und also vier ganzter Tag, da der hereinbrechende Sontag solchem Unweßen kaum einen Stillstand zu Wege bringen kann.

Der Brief gibt eine treffliche Beschreibung über Ort, Zeit und Verlauf der Kirchweih. Im Mittelalter stellte dieses Treiben der Landbevölkerung während der Fest in den Augen der Obrigkeit etwas Sündhaftes dar, die zu “Müßiggang, die Vollerley nebst unmittelbar drauf folgendem unzüchtigen Wesen” führten. Auch die geistlichen Herren und Pfarrer wetterten im 16. und 17. Jahrhundert gegen die “höchst ärgerlichen Zuständ” bei den Kerbefeiern. Mancherorts – wie z.B. in Frankfurt-Bornheim – wurden sie von einem Geistlichen als ein “verdambtes Sauf-Fest” gottloser Personen bezeichnet. Feste der Dorfgemeinschaft und Familienfeste im besonderen wurden im Mittelalter sehr ausgiebig gefeiert. Im Verlauf dieser Feste wurde das Zechen und Schlemmen zügellos genossen und bis zum letzten Tag ausgekostet. Die Feiern fanden hauptsächlich in den Wirtshäuser, aber auch im Rathaus statt, da es größere Säle für Feste noch nicht gab. Zum Feiern und Tanzen musizierten die Spielleute auf. Bei der Hochzeit eines Zinkenbläsers mit einer Bäckerstochter in Augsburg im Jahre 1493 wurden z.B. in acht Tagen von 720 Gästen an 60 Tischen 95 Mastschweine, 49 Ziegen, 46 Kälber, 20 Ochsen, 30 Hirsche, 25 Pfauen, 15 Auerhähne, 1006 Gänse, 500 Stück Federvieh, 900 Würste und eine Unmenge von Fischen und Krebsen verspeist. Man könnte hier nur ungläubig mit dem Kopf schütteln, lägen nicht noch weitere sichere Angaben ähnlicher Art vor.

Besonders auf den Kirchweihfesten ließ es die Bevölkerung früher während oder nach dem “Vollsaufen” recht derb und übel zugehen. Infolge dieser Ausschweifungen waren von den Landesherren sogenannte fürstliche Landordnungen erlassen worden. “Tragenden Amts halber” fühlten sich die Herren für die Erhaltung und Förderung christlicher Zucht und Ehrbarkeit der ihnen von Gott untergebenen Untertanen sittlich verpflichtet. Nach dieser Ordnung hatte die Bevölkerung z.B. in den Wirtshäusern wie auch an Festen (Kirchweih u.ä.) bestimmte Regeln des Anstands zu wahren. Wer “in füllerei” erwischt wurde oder sich in der Trunkenheit “ungeschickt verhielt”, wurde mit einer Geldstrafe belegt. Im Wiederholungsfall verdoppelten oder verdreifachten sich die Strafen. Beim viertenmal wurde der Übeltäter gar zu einer vierundzwanzigstündigen, bei der fünften Übertretung zu einer achttägigen Kerkerstrafe im Turm verdonnert. Außerdem hatte die Obrigkeit die Polizeistunde für den Sommer auf 9, für den Winter auf 8 Uhr festgelegt, um der nächtlichen, zügellosen Freß- und Sauflust entgegenzuwirken.

Diesen im Mittelalter herrschenden Lastern war aber trotz dieser Verordnungen nicht leicht beizukommen. Eine Erklärung dafür war auch leicht zu finden, da diejenigen, “welche andere abmahnen oder zum Wenigsten anzeigen sollen, selbsten in der füllerey begriffen undt so tags dann nachts in denen Wirtshäußern zu finden seyndt”. Das bedeutete in Wirklichkeit nichts anderes, als daß auch die zu den Wächtern der öffentlichen Moral bestellten landesherrlichen Unterbeamten und Bediensteten der Gemeindebehörden das gleiche Saufgelage betrieben wie das ihnen anvertraute “gemeine Volk”.

Während der Kirmessen war es damals auch üblich, daß der Tanzboden auf der Gasse oder auf einem freien Platz (z.B. unter der Dorflinde), manchmal auch in einem geräumigen Bauernhof aufgeschlagen wurde. Die Tänze waren seit altersher schon immer ein wichtiger Bestandteil der Volksfeste gewesen. Für die Tänze unter freiem Himmel sprach überdies uralte Volkssitte. In den Städten wurden die Tanzbelustigungen meist auf dem Rathaus veranstaltet, das im Volksmund zuweilen – wie das alte Rathaus vor der Burg in Dreieichenhain – auch den Namen “Spielhaus” führte. Dieser Name kam wohl daher, weil es dem tanzlustigen Völkchen offenbar als allgemeiner Veranstaltungsraum wichtiger war denn als Sitz der öffentlichen Verwaltung. In einigen kleineren Städten wurde das große Rathauszimmer den Bürgern und Veranstaltern dieser Festlichkeiten ganz offiziell für einen bestimmten Betrag vermietet.

Neben diesen Tanzbelustigungen kam es auf den Festen und Jahrmärkten auch zu Glücksspielen. Diese waren zwar nach der Landordnung generell verboten, aber besonders auf den Kirmessen traten immer wieder Spielleute und Gaukler auf, welche die Fest- und Kirmesbesucher zu Glücksspielen animierten und durch falsche Vorspiegelungen manchen um sein Geld und Habe brachten. Die Landordnungen verfügten daher, daß dieser üble Personenkreis als Müßiggänger und Landstreicher außer Landes gewiesen werden sollte.

Mit der gleichen Strenge gingen die Landesherren auch gegen die Spielleute vor. Diese waren vor allem bei dem vergnügungssüchtigen Landvolk, insbesondere der Dorfjugend, sehr beliebt. “Die Pfeiffer, Geyger und andere Spielleuth, so den leuthen zum Müssiggangh, vnnötigen Prassen vnd schlämmen anlaß geben, sie auch vmb drinkgelt oder gaben nicht vnbesucht lassen, Sollen keines orths weder bey tagh, noch bey nacht Ihren muthwillen zue treiben geduldet werden.” Wer die jungen Leute kennt, kann sicher ermessen, wie sie diese für sie unliebsame Situation gemeistert haben. Unter ihnen hat es bestimmt einige gegeben, welche die von Amts wegen nicht gewünschten Spielleute virtuos ersetzen konnten. Wenn es gar nicht anders ging, mußte oft sogar “nur” der Gesang eines hübschen Mädchens als Tanzmusik herhalten.

Eine ganz schlimme Seite des gesellschaftlichen Lebens stellte damals das Bettelunwesen dar. Am Ende des Mittelalters waren vor allem die Bettler zu einer furchtbaren Landplage geworden. Diese traten im Gefolge von Festen und Jahrmärkten immer wieder auf. Wandernde Reliquienkrämer, eine Abart von Bettlern, besuchten mehr und mehr die Kirchweihen und nutzten die Unwissenheit der Landbevölkerung auf das gemeinste aus. Ihnen wurde vorgeworfen, daß sie den Kerbgästen die unmöglichsten Heils- und Glücksbringer andrehten, einmal die Feder aus dem Flügel des Heiligen St. Michael und ein andermal gar Heu aus der Krippe von Bethlehem.

Dieser Verwilderung der Sitten wollte die Obrigkeit nicht mehr länger mit zusehen. Es kam die Zeit der fürstlichen Landordnungen. Das 16. Jahrhundert stellt sich als die klassische Zeit dieser Verordnungen dar. Als der Staat die Form der mittelalterlichen Lehensverfassung abstreifte und sich mehr und mehr die fürstliche Landeshoheit entwickelte, glaubte man, im modernen Beamtenstaat das Leben in Staat und Gesellschaft nur noch durch Verordnungen regeln zu können. Graf Wolfgang Ernst I. erließ die erste dieser Anordnungen im Jahre 1598, die zweite folgte durch den Grafen Johann Philipp im Jahre 1715. Es war damals üblich, die Kirmessen und Märkte an Sonntagen abzuhalten. Die Kirchweihe stellte ursprünglich eine Erinnerungsfeier an die Einweihung der Dorfkirche dar. In einigen Gegenden wurde sie auch Ablaß genannt, da sie manchmal mit einem solchen versehen war.

Im damals katholischen Hessen war der Besuch der Kirchweihen unter gewissen Einschränkungen erlaubt. Landgraf Wilhelm der Mittlere von Hessen hatte zum Beispiel im Jahre 1500 folgendes verfügt: “Wenn jemand um Gottes Willen auf eine Kirchweihung ziehen und seiner Seele Ablaß verdienen will und in dem betreffenden Flecken oder Dorff einen Verwandten wohnen hat, so darf er, wenn die hohe Messe vorüber ist, diesen besuchen, und dem Verwandten mag es dann erlaubt sein, ihn ohne Aufwand zu bewirthen. Auch soll der Besucher nicht über Nacht bleiben dürfen. Mit dieser Bestimmung sollte der übertriebenen Gastlichkeit während der Kirchweihtage Einhalt geboten werden. Damals zog jeder mit Kind und Kegel hinaus auf den “Rummelplatz” oder in die Gasthäuser, wo die Kirmes stattfand. Auch die Verwandtschaft aus nah und fern wurde zum Dorffest eingeladen und fand sich gern und zahlreich bei Freunden und Bekannten ein. Man konnte ja sicher sein, hier mit dem Bestem aus Keller und Küche für einige Tage verwöhnt zu werden. Es ist hier noch nichts davon zu spüren, daß das Fest eventuell eine Entweihung des Sonntags bedeuten könnte. Der Besuch der Kirchweihe wird hier unter Umständen sogar als ein religiöses Bedürfnis anerkannt.

Eine evangelische Regierung in der Grafschaft Isenburg-Birstein mußte darüber jedoch ganz anders urteilen. Hier bestand überhaupt kein religiöser Grund, den Besuch und die Durchführung solcher völlig verweltlichter Feste an Sonntagen zu erlauben. Die hohe Messe und der Ablaß der Kirmeßtage waren ohne Bedeutung. Ganz besonders Graf Johann Philipp führte Klage über das “auslauffen auff die märkt undt kirchmessen“15) und ordnete für die Sonn- und Feiertage gar an, die Tore und Schläge zu versperren. Diese Anweisung ging insbesondere an die Schultheißen und Pförtner. In der Landordnung wurde weiter verfügt, von nun an die Märkte und Messen an Montagen abzuhalten. Den Krämern, die üblicherweise solche Veranstaltungen am meisten besuchten, kam man jedoch aus nicht ganz einleuchtenden Gründen entgegen: Damit diese die Unkenntnis der neuen Bestimmungen nicht vortäuschen konnten, sollten die Märkte und Kirchweihen für ein weiteres Jahr (1598) noch einmal an dem früheren Termin – also sonntags – abgehalten werden. Ein weiterer Grund für eine Verlegung war, daß die Belustigungen und Feste die Untertanen vom Besuch des Gottesdienstes abhielten und der Sonntagsheiligung und Sonntagsruhe widersprachen. Deswegen hatten die hessischen Judenordnungen der Landgrafen Georg I. und Georg II. den Juden bereits ausdrücklich den Handel an Sonntagen untersagt.

Diese Fest(e) Ordnung konnte bei der Landbevölkerung, obwohl sie mehrfach wortreich und ausführlich auf feinstes Kanzleipapier gebracht wurde, nur zum Teil der überhaupt nicht durchgesetzt werden. Es gab einige gewichtige Gründe dafür. Ein Grund war wohl u.a. die Tatsache, daß die Gewinnsucht und der Unternehmungsgeist der Krämer und des fahrenden Volks nicht gebremst werden konnten. Der Landbevölkerung war mit der Verlegung des Festes auf den Montag überhaupt nicht gedient, weil jene an Werktagen durch ihre Arbeit auf dem Felde an der Teilnahme an Festen außerhalb des Ortes begreiflicherweise gehindert waren. Und schließlich war den gräflichen Beamten zwar die gewissenhafte Ausführung aller Vorschriften der Verordnung eingeschärft worden, jedoch konnten sie sich dem bunten Treiben auf den Festen und Märkten nicht entziehen. Sie frönten den gleichen Lastern der Trink-, Freß- und Tanzlust. Und dies, obwohl Amtleuten, Kellereibeamten, Schultheißen, Kirchenältesten und Centgrafen doppelt so hohe Strafen als anderen Leuten angedroht worden waren, wenn sie sich der ihrer Rüge- und Strafpflicht unterstellten Vergehen selber schuldig machten.

Die gräflichen Landordnungen der Isenburger hatten für die gesellschaftliche Entwicklung schon durchaus lobenswerte Ansätze. In ihnen wurden jedoch überwiegend weltliche Dinge nur vom kirchlichen Standpunkt aus betrachtet und das hat wohl dazu beigetragen, daß sie sich nicht verwirklichen ließen. Und, die landesherrschaftliche Obrigkeit hatte die urwüchsige Kraft der Volkssitten und Bräuche verkannt.

Zeit bis zum Bieranstich 2017:

38 Tage - 21 Std. 55 Min.

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