Die Haaner Kerb - Ein Fest mit langer Tradition

In welcher Form die Kirchweihe im frühen Mittelalter im Hain begangen wurde, ist heute nicht mehr genau bekannt. Allgemein ist aber überliefert, daß nach der Christianisierung am Tag der Kirchweihe einfache Weihehandlungen ohne besondere Riten vorgenommen wurden. Ab dem neunten Jahrhundert erfuhren diese Handlungen eine reiche Ausstattung (z. B. Altarwaschung und Salbung, Beisetzung von Reliquien). Gleichzeitig vollzog sich auch allmählich der Wandel vom religiösen zum weltlichen Fest mit Märkten und Schaustellern. Dadurch konnten sich traditionelle Bräuche entwickeln, von denen einige in Dreieichenhain bis heute Bestand haben.

Im 16. Jahrhundert wurde im Hain nach der Reformation der eigentliche religiöse Hintergrund des Festes weiter zurückgedrängt. Nach der nun evangelischen Auffassung wurde und wird auch heute noch unter Kirchweihe die feierliche Übernahme des Kirchengebäudes durch die Gemeinde verstanden. Die katholischen Riten wurden verworfen. Im Rahmen der kirchlichen Handlungen erinnert heute nur noch der Besuch des Gottesdienstes am Pfingstsonntag durch die Kerbborsche an den religiösen Ursprung der Haaner Kerb.

Urkundlich werden die Kirchweihfeste in der Dreieich – und damit auch im Hain – erstmals im Jahre 1562 in Aufzeichnungen des von 1549 bis 1566 in Dreieichenhain amtierenden Pfarrers Valentin Breidenstein erwähnt. Er beklagte sich damals über den mangelnden kirchlichen Anspruch, denn die Feierlichkeiten arteten zu oft in Trinkgelage mit anschließenden Rangeleien aus. Im Originaltext liest sich das so: “ … jedermann schwelget und seuffet, bis endlich, wen sie voll und tholl sind, ein hawen und stechen darauss wirdt”.

Aus diesem Grunde wurde in vielen Regionen das Kirchweihfest von der Obrigkeit auf ein bis zwei Tage beschränkt und in den Herbst verlegt bis die Ernte eingebracht war. So werden noch heute in der gesamten Region die Kirchweihfeiern in den Herbstmonaten begangen. Lediglich die Haaner Kerb bildet aus unbekannten Gründen eine Ausnahme. Denkbar wäre, daß sich die traditionsbewußten Haaner einer Verlegung widersetzten. Möglicherweise hängt es auch damit zusammen, daß in der Residenzstadt Hayn in der Dreieich keine Landwirtschaft betrieben wurde und so keine Gefahr für die Ernte bestand. Jedenfalls ist durch diesen glücklichen Umstand die Haaner Kerb das erste Kirchweihfest in der Region.

Das typische Kerbgetränk war ursprünglich nicht – wie heute – Bier oder Ebbelwoi (Apfelwein). Bis zur Aufgabe der letzten Weinberge der Dreieich im 18. Jahrhundert wurde Wein getrunken. Die Hainer Herrschaften hatten nämlich das Recht des alleinigen Weinausschanks bei allen Kirchweihfesten im Amt Dreieich. Das Eigengewächs der Kellerei Hain stammt vom Herrenwingert auf der Hub. Die Dreieichgemeinden mußten zusätzlich größere Mengen Zehntwein abliefern. Die Weinvorräte wurden im Burgkeller und den Kellergewölben der Turmhügelburg gelagert.

Nachdem die letzten vom Dreißigjährigen Krieg verwüsteten Weinberge der ungünstigen Witterung und Rebkrankheiten zum Opfer fielen, wurde Ebbelwoi zum beliebtesten Getränk. 1650 wird der Ebbelwoi erstmals als hessisches Nationalgetränk erwähnt. Erst vor einigen Jahren trat das Bier verstärkt durch den Aufbau des Bierzeltes in den Vordergrund. Jedoch konnte sich der Ebbelwoi als “Haustrunk” der Kerbborsche behaupten. Bis heute erinnert schließlich der sogenannte “Bembelträger” unter den Kerbborschen an den ehemals vorherrschenden Ebbelwoi.

Als Festplatz diente den Dreieichenhainern ab dem frühen Mittelalter der ehemalige Marktplatz, der mit der Umgestaltung der Fahrgasse 1987 wieder seinen Platzcharakter zurückerhielt. Hier fand sowohl die Kerb als auch ein im Mittelalter “Herrenborn” genannter Jahrmarkt statt. Ob beide Feste in Beziehung zueinander standen oder sogar identisch sind, ist nicht überliefert. An diesen Platz grenzte das 1814 abgerissene erste Rathaus (im heutigen Vorgarten Spitalgasse 22), das im Mittelpunkt des geselligen Lebens stand. In der offenen Vorhalle und im Saal des ersten Stockwerkes wurden nicht nur während der Kerb Tanzbelustigungen abgehalten. Deshalb wurde das Rathaus auch Spielhaus genannt. Erst zu einer späteren Zeit verlagerte sich das Geschehen in die Hainer Gasthäuser.

Durch eine Veröffentlichung des Dreieichenhainer und späteren Götzenhainer Lehrers Georg Kaut aus dem Jahre 1846 wurde ein Großteil des Kerbbrauchtums im 18. und 19. Jahrhunderts überliefert. Er berichtet, daß im Mittelpunkt der Kerb die Tanzveranstaltungen, die in den Sälen der Gasthäuser stattfanden, standen. Diese Veranstaltungen erfüllten eine der wichtigsten sozialen Funktionen im städtischen Leben Dreieichenhains, denn jeder Kerbborsch suchte sich etwa eine Woche vor Kerbbeginn sein Kerbmädchen. Mit dieser wurde während des Festes viel getanzt und oft nach ein bis zwei Jahren die Ehe eingegangen.

Die Kerbborschen hatten ursprünglich die Aufgabe, den sogenannten “Kerbfrieden” zu sichern. Dabei waren sie für die Schlichtung von Auseinandersetzungen und die Einhaltung von Sperrstunden verantwortlich. Diese Aufgabenbereiche dehnten sich allmählich bis zur weitgehenden Ausgestaltung des Festes aus, so daß die Kerbborschen heute noch im Mittelpunkt der Haaner Kerb stehen.

Kerbborsche konnte nicht nur wie heute der musterungsfähige Jahrgang werden. Vielmehr trafen sich die jungen Haaner am Sonntag vor der Kerb in einem Gasthaus und erklärten sich zu dem angebotenen Amt, bis eine ausreichende Zahl erreicht war. Hierauf zogen sie singend durch die Stadt, um auf das wichtige Ereignis hinzuweisen. Am Freitag vor der Kerb fanden sich die Kerbborschen mit ihren auserkorenen Kerbmädchen in einem Wirtshaussaal ein, um einen großen Kranz für den Kerbbaum zu flechten. Die Kinder der Stadt lieferten als weitere Dekoration die Blumen dazu.

Am Freitag begann es auch schon in der ganzen Stadt nach Zimt und Rosinen zu riechen. Nur an bestimmten Tagen gab es Kuchen. So auch an Kerb. Die Frauen trafen sich in den Backhäusern der Hainer Bäcker, in früheren Jahrhunderten auch im Gemeindebackhaus, um die Kerbkuchen herzustellen. Sie brachten entweder den fertigen Teig mit oder bereiteten ihn auch erst in der Backstube zu. Die fertigen, dampfenden Kuchen wurden auf Holzbretter geschoben und von den Frauen auf dem Kopf nach Hause getragen. Das, was sie zurück zur Familie trugen, war ein sogenannter “Breitrand”, eine echte Haaner Kerbspezialität. Dieser Kuchen ist heute leider nur noch der älteren Generation im Hain bekannt.

Am darauffolgenden Samstag herrschte dann reges Treiben. Gegen Mittag zogen die Kerbborsche in den Wald, um, wie auch heute noch, einen geeigneten Kerbbaum und kleine Birkenbäume zur Dekoration der Gassen und Häuser zu fällen. Ihnen folgten am Nachmittag einige Bewohner mit ihren Fuhrwerken, um die Bäume zu holen. Am späten Nachmittag wurde dann unter reger Anteilnahme der Bevölkerung und Begleitung von Musik der Kerbbaum vor einem Gasthaus aufgestellt. Anschließend lud der Wirt, vor dessen Haus der Baum aufgestellt wurde, die ganze Gesellschaft ein. Am darauffolgenden Sonntag ruhte noch einmal der Festbetrieb, denn die Haaner Kerb wurde früher am zweiten und dritten Pfingstfeiertag, dem Pfingstmontag und -dienstag gefeiert. Der Pfingstsonntag blieb im Hain der Konfirmation vorbehalten. Dieser Tag ist wahrscheinlich erst seit den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts Bestandteil der Kerb.

Im Sittlichkeitsempfinden der Obrigkeit stieß die Feier der Haaner Kerb an den Pfingstfeiertagen nicht gerade auf großes Wohlwollen. Am 30. Juni 1858 ging bei der Großherzoglichen Bürgermeisterei Dreieichenhain vom Großherzoglichen Kreisamt Offenbach, das sich bis 1825 im Hain befand, ein Schreiben ein. “Dem Vernehmen nach sollen mehrere Konfirmanden aus Dreieichenhain und Götzenhain gelegentlich der Feier des Kirchweihfestes in Dreieichenhain betrunken gewesen sein”, heißt es da unter anderem. Man war deshalb der Meinung, daß die Pfingsttage für die Abhaltung der Kerb ungeeignet seien. Den Hainern wurde angedroht, daß sie im nächsten Jahr keine Tanzerlaubnis mehr erhalten würden, wenn der Kerbtermin nicht verlegt wird.

Nach einer Mahnung und mehreren Monaten ging im Kreisamt ein Antwortschreiben von Gemeinde- und Kirchenvorstand ein. Dieses zeigte mit nachfolgendem Text offenbar Wirkung, denn zu einer Verlegung ist es dann doch nicht gekommen: …In Betracht, da die Kirchweih hießigen Ortes alter Sitte nach und seit Menschengedenken den zweiten und dritten Pfingstfeiertag gefeiert wird und bezüglich der angenehmen Jahreszeit diese Feiertage von Fremden aus der Nähe und der Ferne besucht werden, hierdurch den hießigen Geschäftsleuten und dem Orte überhaupt allgemeiner Vorteil und Verdienst zugeführt wird, so müsse man Bedenken tragen, daß wenn die Kirchweihe verlegt würde durch dieses nur böses Blut hervorgerufen und der hießige Ort hierdurch in eine bedenkliche Lage versetzt würde…

Die Kerb begann also erst so richtig am Pfingstmontag. An diesem Tag versammelte sich zunächst die ganze Gemeinde in der Kirche. Nach dem Gottesdienst trafen sich die Kerbborsche in einem Gasthaus. Einer der Kerbborsche wurde als Harlekin verkleidet – oder besser entstellt – mit Hut, Maske und verrückten Kleidern. Der Harlekin lief beim Umzug durch die Gassen den anderen Kerbborsche voran und machte mit einer Peitsche die Straße frei. Vielleicht handelte es sich hierbei noch – ähnlich der allemannischen Fastnacht – um einen heidnischen Brauch. Auf einer vergilbten Fotografie der Kerbborsche von 1903 ist noch ein solcher Harlekin mit einer clownähnlichen Verkleidung abgebildet.

Anschließend wurde das sogenannte Kerbtuch an eine bunt angestrichene Stange geheftet. Mit dieser so entstandenen Fahne und begleitet mit Musik zogen die Kerbborsche durch die Stadt, um ihre Kerbmädchen abzuholen. Vor den Häusern der drei wichtigsten Personen der Gemeinde, dem Bürgermeister, dem Pfarrer und dem Schullehrer, wurde angehalten und ein lustiges Stück gespielt. Diese Tradition hatte sich bis in die sechziger Jahre erhalten. Bis zu seiner Auflösung zogen Mitglieder des Musikvereins Dreieichenhains zum sogenannten “Morgensegen” durch die Stadt und spielten vor jedem Haus, in dem ein bekannter Bürger wohnte, ein Ständchen. Anläßlich der Jubilähumskerb 1993 wurde dieser Brauch vom Haaner Blasorchester wieder aufgegriffen und gehört heute erneut, zur großen Freude der Hainer Bürger, zum alljährlichen Kerbprogramm.

Der Zug endete wieder in einem Wirtshaus. Nachdem allmählich die ersten Gäste eingetroffen waren, zogen sich die Kerbborsche wieder zurück. Sie gingen nun mit dem Kerbtuch von Haus zu Haus. Hier wurde ihnen Wein angeboten, und jeder Gastgeber sah sich genötigt, eine Münze in die mitgebrachte Büchse zu werfen. Diesen Brauch gibt es auch heute noch, nur daß vermehrt auch Naturalien wie Eier, Speck, Wurst, Obst, Brot usw., aber auch Wein, Sekt und andere Getränke gesammelt werden. Das Zusammengetragene wird hauptsächlich zur Stärkung während der Kerb und zum traditionellen “Eieressen” mit anderen Jahrgängen verzehrt.

Obwohl am Pfingstmontag bis spät in die Nacht getanzt wurde – beliebte Tänze waren der sogenannte Dreher (auch Träppler oder Trippler genannt), der sechsschrittige, gemütliche Schleifwalzer oder der Kissentanz, eine Art Pantomime -, zogen die Kerbborsche am frühen Morgen schon wieder singend durch die Stadt. Erneut wurden die Kerbmädchen abgeholt und die drei wichtigsten Ortsbewohner nicht vergessen. Dieser Tag wurde wieder mit Tanz und Musik im Wirtshaus verbracht. Mit dem Unterschied allerdings, daß der Pfingstdienstag vor allem den Ortsbewohnern vorbehalten war. Am ersten Tag, dem Pfingstmontag, füllten vor allem geladene Gäste, Bekannte und Verwandte aus nah und fern die Wirtshäuser. Hieran hat sich bis heute nichts verändert. Am Pfingstsamstag, dem Hainer Nationalfeiertag, sind allenthalben die Gärten hinter den Häusern mit Gästen gefüllt.

Am Dienstagabend, dem ursprünglich letzten Tag der Haaner Kerb, wurde nicht wie vielerorts in der Dreieich die Kerb begraben. Für Dreieichenhain ist anzunehmen, daß schon immer die Kerb – so wie es bis heute überliefert ist – verbrannt wurde. Die von den Kerbborsche erstellten Strohkreuze – jedes steht für einen Kerbtag – die mit der Kerbpuppe verbrannt werden, weisen am Ende der Kerb nach vielen vergnüglichen Stunden die Gemeindemitglieder unmißverständlich nochmals darauf hin, daß das ganze Fest eigentlich einen christlichen Hintergrund hat. Nach der heute noch “betrüblichen” Kerbverbrennung zogen sich die Kerbborsche in das Gasthaus zurück, in dem sie sich am folgenden Sonntag wieder trafen, um die Zeche zu begleichen. Dafür brauchten sie an diesem Tag ihre Getränke nicht zu zahlen.

Bis heute sind in Dreieichenhain viele dieser Traditionen ohne Unterbrechung erhalten geblieben. Die geschilderten Abläufe hatten wohl bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren festen Bestand. Danach ergaben sich im Laufe der Jahrzehnte – entsprechend den Bedürfnissen der jeweiligen Zeit – kleine Veränderungen. Vollkommen verlorengegangen sind eigentlich nur das Flechten eines Kranzes für den Kerbbaum, die Verkleidung eines Kerbborschen und die Nachfeier am darauffolgenden Wochenende (Nachkerb). Außerdem stehen die Gastwirtschaften nicht mehr im Mittelpunkt des Geschehens. Dafür ergaben sich in den darauffolgenden Jahrzehnten aber auch immer wieder zusätzliche Aktivitäten (z. B. Burgbeleuchtung, Kerbborschebesuch im Altenheim, Bierstaffel, Jahrgangstreffen der Kerbborsche), die inzwischen im Kerbablauf ihren festen Bestandteil gefunden haben.

Nach dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde das Kerbgeschehen vom Marktplatz auf den Lindenplatz (heute Dreieichplatz) verlegt, nachdem 1814 das verfallene Spiel- oder Rathaus abgerissen worden war. Der Lindenplatz entstand einige Jahre zuvor (1790) durch die Abtragung der Bollwerke vor dem Obertor und der Bebauung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Haaner Kerb zu einem beliebten Volksfest für das weitere Umland heran. Die Rückbesinnung auf die deutsche Geschichte während der Romantik führte immer mehr Besucher aus den umliegenden Großstädten nach Dreieichenhain, wo zahlreiche historische Baudenkmäler erhalten blieben. Dadurch entwickelte sich ein reger Fremdenverkehr, den die nicht wenigen Wirte auch geschickt für ihre Kerbveranstaltungen nutzten. Durch diese zusätzlichen Aktivitäten wurde die Haaner Kerb schon sehr früh zu einem Volksfest von überregionaler Bedeutung.

Der wirtschaftlichen Bedeutung des Fremdenverkehrs waren sich damals viele Hainer bewußt, da durch den Niedergang der Zünfte und der Industrialisierung weite Teile der Bevölkerung verarmten. Deshalb wurden die Hainer nicht müde, auch für die fremden Kerbbesucher den Bau der Dreieich-Bahn zu fordern. Der Erfolg gab ihnen recht. Die rege Nachfrage nach der Inbetriebnahme im Jahre 1905 führte dazu, daß während der Haaner Kerb Sonderzüge auf der Dreieich-Bahn eingesetzt wurden. Aus heutiger Sicht eine wahrhaft progressive Einrichtung. Am 8., 9. und 10. Juni 1908 pendelten beispielsweise zwischen 23:00 Uhr und 0:45 Uhr “Extrazüge” der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahndirektion auf der Dreieichbahn.

Mit dem Bau der ersten Häuser außerhalb der Stadtmauer stieg die Einwohnerzahl Dreieichenhains sprunghaft an. Durch diesen Bevölkerungsanstieg brauchten sich nicht immer wieder die selben Männer zur Übernahme des Kerbborscheamtes bereit zu erklären. Es standen nun genügend junge Männer eines Jahrganges zur Verfügung, so daß wohl spätestens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis heute meistens der musterungsfähige Jahrgang die jeweiligen Kerbborsche stellt. Dieser Tatsache wurde auch mit der Gestaltung der Kerbfahne Rechnung getragen. Sie war in den damaligen deutschen Nationalfarben (schwarz-weiß-rot) gehalten und zeigte in der Mittel einen von Säbeln umgebenen Helm. Eine solche Kerbfahne aus dem Jahre 1903 mit der Aufschrift “Einigkeit macht stark” ist erhalten geblieben. Sie wurde jahrzehntelang im damaligen Kerbborschedomizil, dem Gasthaus “Zur alten Burg”, aufbewahrt und befindet sich heute im Dreieich-Museum.

Im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich das Aussehen der Kerbfahne. Heute zeigt die Kerbfahne auf rot-weißem Grund (kurioserweise finden die Hainer Farben rot-gold keine Anwendung) üblicherweise auf der Vorderseite ein Motiv von der Hainer Burg und auf der Rückseite das Stadtwappen. Damit ging die Beziehung zur Musterung verloren, der Kerbfahne wurde ihr militärisches Antlitz genommen. In den Nachkriegsjahren war sogar eine Fahne des Hainer Karneval-Vereins in Gebrauch, da an die Herstellung einer Kerbfahne gar nicht zu denken war.

Zur Haaner Kerb 2000 wurde dann von dem aktiven Kerbborschenjahrgang, aufgrund des historischen Datums, eine originalgetreue Kopie der Fahne von 1903 hergestellt (siehe Foto), was bei so manchen alten Haanern nostalgische Erinnerungen hervorrief. Außerdem wollten die Kerbborschen somit wieder einmal mehr darauf aufmerksam machen, welch lange und einmalige Tradition hier im Hain gepflegt wird.

Haaner Kerbborsche 2000 | © Sabine Antonius
Haaner Kerbborsche 2000 | © Sabine Antonius

Wenig geändert hat sich dagegen seit dem letzten Jahrhundert die Kleidung der Kerbborsche. Auf den ersten Fotografien um die Jahrhundertwende trugen sie schon eine schwarze Hose mit einem weißen Hemd und einem Strohhut. Während heute die Strohhüte mit Utensilien aus den Schießbuden dekoriert werden, waren sie früher lediglich mit zwei langen, großen Bommeln versehen. Die Hüte waren zudem mit Zickzack-Mustern verziert.

Die heutigen Schärpen, die quer über dem Bauch getragen werden, waren damals in einer anderen Form bekannt. Heute erkennt man den Kerbvadder an einer blauen sowie die sogenannten Vorstandsmitglieder (Stellvertreter, Kassierer, Schriftführer) an grünen Schärpen. Alle anderen Kerbborsche schmücken sich mit einer roten Ausführung. Alte Fotografien zeigen, daß früher wohl rote Schärpen (um 1900 mit der Aufschrift “Gut Heil”) um den Hosenbund geschürzt wurden. Der heutige Bembelträger, früher Mundschenk genannt, war an einer weißen Schürze zu erkennen. Der Kerbvadder trug offensichtlich eine aufwendiger geschmückte und breitere Schärpe.

Beliebte Kerbvergnügungen waren im Mittelalter das sogenannte Hammelschießen und der Hahnenschlag (mundartlich “Gickelschmiß”). Beide Kerbaktivitäten werden heute kaum noch, im Hain überhaupt nicht mehr, gepflegt. Allenfalls der “Gickelschmiß” ist heute wieder Attraktion einiger weniger Kerbveranstaltungen im Rhein-Main-Gebiet.

Hammelschießen war ein Schießwettbewerb auf eine Scheibe, den im Hain möglicherweise die uralte Schützengesellschaft veranstaltete. Der Kerbhammel war der Preis für den Sieger des Kerbschießens.

Am zweiten Kerbtag wurde der Gickelschmiß durchgeführt. Bei diesem Geschicklichkeitsspiel galt es, einen Hahn als Trophäe zu gewinnen. Der Hahn wurde in ein Loch in der Erde gesetzt und über ihn ein großer Topf gestülpt. Den Teilnehmern an dem Wettbewerb wurden die Augen verbunden. Sie wurden mehrmals im Kreise gedreht und mußten nun mit einem Dreschflegel versuchen, den Topf zu zertrümmern.

Bis zur Jahrhundertwende gingen diese Brauchhandlungen im Rhein-Main-Gebiet weitgehend verloren. Ab dieser Zeit gab es unter den Kerbvergnügungen, neben den Tanz- und Musikveranstaltungen sowie den üblichen Verkaufs- und Spielständen, dennoch im Hain ein ganz besonderes Angebot für die Kerbbesucher. Auf dem Burgweiher standen Kähne für unterhaltsame Bootsfahrten bereit. Beliebt waren natürlich auch Fahrten mit einem Karussell. In alten Zeitungsberichten und Kerbgedichten wird wiederholt das Karussell einer Familie Größmann genannt. Später wird (1901) ein Peter Größmann aus Pfungstadt namentlich in den Gemeinderechnungen aufgeführt. Er mietete für 200 Mark die Hälfte des Lindenplatzes für seinen Fahrbetrieb. Er beteiligte sich bis in die Zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts an der Haaner Kerb. Ihm folgte eine Familie Kaiser, die später in Konkurs ging. In den Dreißiger Jahren war vorübergehend auch einmal ein Kettenkarussell aus dem Badischen auf der Haaner Kerb anzutreffen.

Das heute überregional bekannte Symbol der Haaner Kerb, die sogenannte “Hayner Reitschul’” wurde 1934 erstmals durch Heinrich Schneider aus Bischofsheim auf dem Lindenplatz aufgebaut. er mußte damals 342 Reichsmark für die Platzmiete an die Stadt Dreieichenhain entrichten.

Zu einem weiteren Höhepunkt der Haaner Kerb avancierte die Burgbeleuchtung mit dem Brillantfeuerwerk über dem Burgweiher. Mit Tausenden von Besuchern ist dies die bestbesuchte Veranstaltung im Rahmen des traditionellen Kerbablaufs. Die Ursprünge liegen allerdings nicht in einer alten Kerbtradition sondern im Kreisfeuerwehrfest 1924, das in Dreieichenhain stattfand, verborgen. Damals veranstalteten die Männer der Hainer Wehr unter anderem eine Burgbeleuchtung mit Feuerwerk. Der Zuspruch Tausender von Besuchern beflügelte die Hainer Feuerwehr zu einer Beibehaltung dieser Veranstaltung, die zunächst im Mai einige Wochen vor der Kerb durchgeführt wurde. Daß Dreieichenhain heutzutage zum Auftakt der Kerb eine außergewöhnliche Attraktion zu bieten hat, ist aus heutiger Sicht glücklichen Umständen zu verdanken. Mehrmals mußte nämlich 1927 aufgrund der ungünstigen Witterung die Veranstaltung verschoben werden, bis sie dann auf den Samstag vor der 209. Kerb fiel. Damals bemerkten die Feuerwehrmänner offenbar, daß sich beide Veranstaltungen optimal ergänzen würden. So kommt es, daß die Freiwillige Feuerwehr seit 1928, also genau 73 Jahre, alljährlich die Firma Anton Schwab aus Bergen-Enkheim mit der Durchführung des Feuerwerks am Pfingstsamstag betraut.

Das erste Feuerwerk an Pfingsten dürfte eine großartige Veranstaltung gewesen sein, wenn man der damaligen Ankündigung der Wehrmänner Glauben schenken darf:“Das Bestreben der Wehr, den alljährig zunehmenden Tausenden von Zuschauern immer wieder das Neuste auf dem Gebiet der Pyrotechnik zu bieten, dürfte diesmal als ganz besonders geglückt bezeichnet werden. Außer einer mehrfarbigen (am Anfang und Ende je 15 Minuten dauernden) fachmännischen Beleuchtung der ganzen Burg sowie eines ausgesuchten märchenhaften Brillantfeuerwerks in acht wirkungsvollen Fronten, wobei ganz besonders auf die großen Fontänen, Brillantsonnen, großen Leuchtkugelspiele und elektrischen Wasserfälle sowie unzähligen Bomben und Raketen in allen Verwandlungsarten hingewiesen wird

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges setzte natürlich auch der Haaner Kerb zu. Während des Krieges ruhte der Festbetrieb. Nur die gemusterten Jahrgänge zogen noch mit einer Rekrutenfahne durch die Stadt. Das Eiersammeln hatten sie allerdings selbst in dieser von Not und Elend gezeichneten Zeit nicht aufgegeben.

Nach dem Kriege dauerte es auch bei dem Kerbgeschehen einige Jahre bis zur Rückkehr zur Normalität. Aus verständlichem Anlaß war der musterungsfähige Jahrgang kein Thema mehr. Deshalb nahmen sich zunächst die Handballer der damaligen Sportgemeinschaft (heute Sportverein) wieder der alten Tradition an. Sie stellten von 1946 bis 1949 die Haaner Kerbborsche.

Die Kirchweihfeste von 1946 bis 1948 waren in den schweren Nachkriegsjahren noch sehr bescheidene Veranstaltungen. Nach der Währungsreform ging es schließlich wieder aufwärts. 1949 wurde die erste aufwendigere Kerb mit einem richtigen Kerbvadder (Willi Kaiser) und der D-Mark gefeiert. Die damaligen Kerbborsche brachte es zu einer wohl bisher einmaligen Karriere. Sie belebten als erste wieder die Freilichtbühne, indem sie unter der Leitung von Heinrich Jung am Kerbsamstag und -sonntag das “Weiße Rößl” aufführten.

Im Jahr 1950 war es der Jahrgang 1930/31, der den früheren Zustand wieder herstellte. Seit dieser Zeit stellt im allgemeinen wieder der musterungsfähige Jahrgang die Kerbborsche. Nach einer Pause von 1952 bis 1954 gibt es nun seit 1955 wieder ohne Unterbrechung Kerbborsche. Einen Unterschied gab es allerdings 1955 zu den bislang nachfolgenden Jahrgängen. Die Mannen um Kerbvadder Georg Friese leisteten sich eine Kerbmutter, Felicitas genannt. In der langen Kerbgeschichte ist sonst kein weiterer Jahrgang überliefert, unter dem sich ein “weiblicher Kerbborsch” getummelt hätte.

Bereits 1947 baute Heinrich Schneider wieder sein Karussell auf. Bald gewann die Kerb wieder ihre gewohnte Anziehungskraft zurück. Bis zum Jahr 1954 schlugen bereits 21 Schausteller auf dem und rund um den Lindenplatz ihre Buden auf. Die Schar der Bewerber aus dem gesamten Bundesgebiet war damals groß. Aus Platzmangel mußten vielen Schaustellern von der Stadt Dreieichenhain Absagen erteilt werden. Kein Platz mehr war beispielsweise für Paul Jochim aus Augsburg mit der “Bayerischen Freßhütt’n” (“glaube auch verwöhntesten Ansprüchen gerecht zu werden”), den Autoskooter der Firma Göbel’s aus Worms (“mein Geschäft befindet sich in tadelloser, sauberer Aufmachung mit eigener Kraftstromanlage”), Max Wagner aus Gießen für sein Kinder-Sportkarussell (“eines der schönsten und modernsten in der Bundesrepublik “), die Elektro-Auto-Bahn mit ca. 3000 Brennstellen von Gottlob Braun aus Nürnberg, die moderne Warenverlosung von Heinz Loeb aus Frankfurt/M. (“eine der modernsten und schönsten auf Reisen”) oder die Raupenbahn von Heinz Erich Kalbfleisch aus Butzbach vorhanden.

Zu einem noch größeren Problem als die mangelnde Standfläche entwickelte sich das zunehmende Verkehrsaufkommen rund um den Lindenplatz. Der Kerbplatz mußte 1963 verlegt werden. Er fand seine neue Bleibe in dem Bereich rund um das Rathaus. Der Kreuzungsbereich von Taunusstraße, Solmische-Weiher-Straße, Spitalgasse und der Platz neben dem Rathaus (heute durch einen unpassenden Pavillon verschandelt ) übernahm nach einem einjährigen Gastspiel auf dem Burgplatz und der unteren Fahrgasse (1963) nun vorübergehend die Funktion eines Festplatzes. Der Kerbbaum verblieb allerdings bis 1971 vor dem Gasthaus “Zu den drei Eichen”, dem ehemaligen Domizil der Haaner Kerbborsche.

Das Fällen, der Transport und die Aufstellung des Kerbbaumes verlangen von jedem Kerbborschejahrgang seit jeher höchste Kraftanstrengungen. Der Kerbborschejahrgang von 1967 mußte gar beim Aufstellen einen Traktor zu Hilfe nehmen. Besonders ärgerlich ist es dann, wenn Unbekannte zu ihrer Belustigung den Baum aus seiner Befestigung lösten. Dies geschah 1961. Der Kerbbaum fiel auf das gegenüberliegende Haus in der Waldstraße. Im Jahr 1981 brachte es sogar ein Westfale fertig, nach einem heimatlichen Brauch den Kerbbaum zu fällen. Der Baum stürzte zum Glück damals nur in den Burgweiher.

Dennoch bewog übertriebene Ängstlichkeit wohl die Deutsche Bundesbahn zu der Forderung, auch den Standort des Kerbbaumes zu verlegen. Man befürchtete, daß das Kerbsymbol wartende Fahrgäste an der nahe gelegenen Bushaltestelle gefährden könnte. Deshalb wurde der Baum in den Jahren 1971 und 1972 vor den Burgeingang verbannt. Seit 1973 steht er nun wieder mitten im Kerbgeschehen am Burgweiher.

Das Jahr 1968 brachte eine weitere Neuerung. In diesem Jahr eröffneten am Freitag abend die Hainer Feuerwehrmänner mit drei Böllerschüssen die 250. Jubiläumskerb. Die Wehrmänner hatten erstmals ein Festzelt aufgebaut. Dieses Novum, das den Freitag als weiteren Kerbtag brachte, zog die Hainer magnetisch an. Bereits eine halbe Stunde nach Eröffnung war kein Plätzchen mehr zu finden. Die drei Zapfstellen waren chronisch überlastet. Bei der Begrüßung der ersten Gäste sprach Ortsbrandinspektor Jung den Wunsch aus, man möge sich im Festzelt wohl fühlen. Diesen Wunsch haben die Hainer und ihre Besucher bis heute beherzigt. Alljährlich bevölkern Tausende das auf 50 Meter verlängerte Festzelt.

Das Festzelt wurde gegenüber dem Burgweiher auf dem zugeschütteten “Saynschen Woog” aufgebaut. Mit der Umgestaltung des Geländes zu einem Parkplatz zog 1973 der gesamte Festplatz sinnvollerweise in die Nachbarschaft des Bierzeltes. Durch die weitere Einbeziehung der unteren Fahrgasse bis zum ehemaligen Marktplatz kehrte so die Kerb nach zwei Ortsveränderungen zumindest teilweise wieder an ihren ursprünglichen Standort zurück.

In den siebziger Jahren nahm die Haaner Kerb einen bislang nicht gekannten Aufschwung. Während viele Kirchweihfeste in der Umgebung in den unromantischen sechziger und siebziger Jahren ihre traditionellen Bezüge und damit an Attraktivität verloren, gewann die Haaner Kerb allmählich an zusätzlicher Anziehungskraft. Zum Brauchtum gesellten sich weitere kulturelle Ereignisse. Dadurch öffnete sich die Haaner Kerb weiteren Besuchergruppen.

Die Lücke zwischen Burgplatz und Obertor schlossen plötzlich Maler, Scherenschneider, Gaukler, Zauberer oder Folkloregruppen, die sich vom Flair der Haaner Kerb angezogen fühlten. Zudem hatten auch zeitweise die heimischen Geschäftsleute im unteren Bereich der Fahrgasse Stände aufschlagen und ebenso dieGeschäfte geöffnet.

Auch die Anlieger in der Altstadt trugen ihren Anteil an einer weiter zunehmenden Attraktivität der Haaner Kerb bei. Weil sich im Hain wie schon im Mittelalter die Zeitrechnung mehr oder weniger um die Kerb dreht, waren immer mehr Hausherren in den siebziger und achtziger Jahren bemüht, stets bis zur nächsten Kerb ihre schmucken Fachwerkhäuser zu sanieren. Dadurch erstrahlte die Altstadt und mit ihr die Kerb – von Jahr zu Jahr – in einem noch frischeren Glanz.

Mit Beginn der achtziger Jahre erlosch allmählich wieder das bunte Treiben in der Altstadt. Die Fahrgasse wurde nicht mehr systematisch abgesperrt und das Parken wieder erlaubt. So kam es, daß die Blechkarossen der Kerbbesucher immer mehr Künstler vertrieben.

Um dennoch den Bürgern eine lebendige und vielfältige Kerb bewahren zu können, sprangen einige Hainer Vereine ein. 1984 schlugen sie erstmals in verschiedenen Höfen der Altstadt Garnituren auf. So entstanden die bis heute sehr beliebten Heckenwirtschaften, die von 1963 bis 1967 in der Holzmühle einen privaten Vorgänger fanden. Diese alljährlichen Treffpunkte der Haaner Bevölkerung – ob jung oder alt – zogen sich in der Vergangenheit zunehmend in den Burgbereich zurück.

Zur Institution und zu einer Hauptattraktion avancierte auch die nostalgische Hayner Reitschul’‘. Das Karussell verschwand 1972 von der Haaner Kerb. Dies war für viele Haaner ein schmerzlicher Verlust. Schließlich hatten ganze Generationen ihre Runden auf dem Gefährt gedreht und viele selbst Hand beim alljährlichen Aufbau angelegt. An die Stelle der Reitschul’‘ trat ein ebenfalls historisches “Riesenrad” aus Bickenbach. Dieses ebenfalls um die Jahrhundertwende erbaute Fahrgeschäftsstätte eigentlich den Namen “Minirad” verdient. Zur Erbauungszeit kam es dem Betrachter halt noch wie ein Riesenrad vor. Das nostalgische Mini-Riesenrad erwarb der Sänger und Aktionskünstler André Heller. Es dreht sich heute in Berlin am Rande des Kurfürstendamms und grüßt die Besucher eines Biergartens.

Der Abschied vom einstmaligen Inbegriff der Haaner Kerb ließ den ehemaligen Kerbborsch Siegfried Reuner nicht ruhen. Er machte sich auf die Suche und fand das Karussell 1979 endlich in den USA. Zur 262. Kerb war es dann soweit. Die Hayner Reitschul’‘ drehte sich wieder zum Entzücken der jungen und alten Kerbbesucher – diesmal auf dem Burgplatz, wo es früher schon während der Burgfeste stand.

Das Auffinden, die spektakuläre Rückführung und die gemeinsamen Restaurierungsanstrengungen sorgten für einen riesigen Medientrubel. Nie zuvor hatte es die Haaner Kerb zu einer solch überregionalen Berühmtheit gebracht. Dadurch ist für viele Besucher – insbesondere aus dem Umland – die Hayner Reitschul’‘ zu einem Synonym für die Haaner Kerb geworden.

Trotz aller Nostalgie bereitet seit den siebziger Jahren die Aufrechterhaltung des uralten Kerbborschebrauchtums gelegentlich Probleme. Einerseits wird in der Bevölkerung, die sich zunehmend auch aus zugezogenen Mitbürgern zusammensetzt, oftmals verkannt, daß das Kerbborschedasein auf eine jahrhundertealte Tradition zurückreicht. Andererseits führt die fortschreitende Zersplitterung des Bildungssystems dazu, daß der Zusammenhalt zwischen den Jahrgängen zusehends verloren geht. So kam es, daß der Kerbborschejahrgang 1976 erstmals seit 1954 keine Kerbborsche stellen konnte. Die (Jugend)Feuerwehrmänner übernahmen damals das ehrwürdige Amt der Kerbborsche. Dieser Kerbborschejahrgang war in jeder Hinsicht einzigartig, stellte er doch mit dem 63jährigen Wilhelm Keim (bekannter unter dem Namen “Veitel”) den bisher ältesten und mit dem 12jährigen Georg Alcaraz den bislang jüngsten Kerbborsch. In den Jahren 1990, 1993, 1995, 1998 und 2002 wurde der Mangel an Jahrgangsvertretern durch einen sogenannten Fahnenjahrgang ausgeglichen. Vertreter verschiedener Jahrgänge taten sich wie noch bis zum letzten Jahrhundert zu einer neuen alten Kerbborschegeneration zusammen.

Zur Geschichte der Kerb, insbesondere über den 1992 über den Kerbplatz tobenden Mini-Tornado, ließe sich noch vieles verewigen, doch würden alle Ausführungen letztlich in der Erkenntnis gipfeln: Trotz zahlreicher im Laufe der Jahrhunderte zunehmender Attraktionen stehen auf der Haaner Kerb die Kerbborsche im Mittelpunkt des Geschehens. Aus heutiger Sicht bleibt zu hoffen, daß dieses uralte Brauchtum auch in den kommenden Jahrhunderten, die die Welt sicherlich vollkommen umwälzen werden, Bestand haben wird.

Zeit bis zum Bieranstich 2017:

69 Tage - 9 Std. 20 Min.

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