Als die Wirtshäuser noch im Mittelpunkt standen

Die Darstellung der Haaner Kerbgeschichte hat es bereits offenbart: Im Mittelpunkt der Haaner Kerb standen bis in jüngster Zeit die Wirtshäuser. Hier erklärten sich die Kerbborsche zu ihrem verantwortungsvollen Amt, hier wurde der Kerbbaum, vor einem ausgewählten Wirtshaus, aufgestellt, hier wurde verliebt, getanzt, gelacht, gerauft.

Die Hainer Gasthäuser rückten frühestens im ausgehenden 16. Jh. in den Mittelpunkt dieses Geschehens, denn im Jahre 1580 entstand das erste richtige Gasthaus (zuvor gab es nur sogenannte Trinkstuben, z. B. in der Mittelpforte) im Hain. Damals erwarb die Stadt das am Marktplatz gelegene Haus des Spitalmeisters Voltz und richtete hier eine Gemeindewirtschaft ein. Dieses Gasthaus existiert noch heute unter dem Namen “Zur alten Burg” (bis 1883 “Zum wilden Mann”). Es ist nicht nur das älteste Dreieichenhainer sondern darüber hinaus eines der ältesten Wirtshäuser in Deutschland. Das Gasthaus “Zum Rießen” in Miltenberg, das allgemein als das älteste deutsche Gasthaus gehandelt wird, wurde erst 1593 erbaut.

Später folgten weitere Gasthäuser. Im Bereiterhof (Fahrgasse 53) befand sich eine Gaststube, zuletzt “Zum alten Brunnen” genannt. Traditionsreiche Großgaststätten waren schon früh der “Grüne Baum” und die “Krone”. Weitere Gaststätten entstanden im 19. Jh. und zu Beginn des 20. Jh. mit dem Aufblühen des Fremdenverkehrs in Dreieichenhain. Zu den bereits angeführten ältesten Häusern gesellten sich weitere Wirtshäuser hinzu:

Zu den drei Eichen, Zum Dornbusch, Zum Darmstädter Hof, Zum Frankfurter Hof, Zur Linde, Zum Rebstock, Zur schönen Aussicht, Zum Taunus, Zur Traube, Zur Waldlust.

Im Jahre 1907 erreichte Dreieichenhain ohne Berücksichtigung der verschiedenen Cafés mit acht Gastwirtschaften, drei Schankwirtschaften und neun Flaschenbierhandlungen die höchste Anzahl von gastronomischen Betrieben pro Einwohner im Kreisgebiet. Würde man die damalige Gastronomiedichte auf die heutige Zeit übertragen, müßten in Dreieichenhain weitere 40 Gaststätten eröffnet werden. So ist es nicht verwunderlich, daß es dem Geschichts- und Heimatverein in den dreißiger Jahren keine Probleme bereitete, 1000 Besucher vor dem Besuch der Burgfestspiele zu bewirten.

Die Wirte, die bis in das 19. Jh. ihr Bier selbst brauten und bis in dieses Jahrhundert ihren Ebbelwoi selbst kelterten, wußten den regen Fremdenverkehr geschickt für ihre Kerbveranstaltungen zu nutzen. In Zeitungen warben sie mit originellen Anzeigen, die oft mit Versen angereichert waren, um die Gunst der Kerbbesucher. Da galt es auf Tanzbelustigungen am zweiten und dritten Pfingstfeiertag (Pfingstmontag und -dienstag), auf die Harmoniemusik am Mittwoch und auf Veranstaltungen zur Nachkerb am darauffolgenden Wochenende hinzuweisen.

Ein Blick zurück, beispielsweise in das Jahr 1927, könnte heute so manchen Freund ehemaliger Hainer Gemütlichkeit vor Neid erblassen lassen. In der Gaststätte “Zum Dornbusch” sorgte die Humoristische Musik-Vereinigung Neu-Isenburg für Stimmung. Das Café “Graf” am Lindenplatz mit “feinstem Konditor-Eis”, machte darauf aufmerksam, daß sich daneben “Dietrichs-Schießhalle” befand. Zur Tanz-Musik beziehungsweise zum “Großen Konzert” bat man unter anderem im “Darmstädter Hof”, im Gasthaus “Zu den drei Eichen” und in der “Krone”.

Vierzig Jahre später, im Jahr 1967, standen die Wirtschaften noch immer im Mittelpunkt des Geschehens. Im Programm für die 249. Haaner Kerb steht nachzulesen: “Vormittags trifft sich ganz Dreieichenhain in den vielen Gaststätten der Stadt zum traditionellen Frühschoppen.” Selbst die Kerbbesucher aus den umliegenden Gemeinden hatten bis dahin während der Kerb ihr Stammlokal im Hain. Die Langener trafen sich im “Darmstädter Hof” (auch “Auth” genannt), die Sprendlinger in der “Linde”, im Hain auch unter “Mohrche” bekannt.

In nur kurzer Zeit trat in den Folgejahren ein spürbarer Wandel ein. Immer mehr Gaststätten schlossen aus den verschiedensten Gründen ihre Pforten. Bis zuletzt waren nur noch aufgrund der vorhandenen Säle die “Krone” und die “Drei Eichen” (oder “Leyer”) in das Kerbgeschehen einbezogen. Doch auch die “Krone” schied bald aus. Der Saal war nicht mehr bautechnischen Anforderungen gewachsen. Im Jubiläumsjahr fiel dieses zweitälteste Gasthaus aus dem Jahre 1750 – wie auch das frühere Gasthaus “Zur Linde” – der Abrißbirne zum Opfer. Ein schwerer Schlag für die Hainer Bevölkerung, denn gerade mit diesem einstmals “ersten Haus am Platze” verbindet so mancher Haaner zahlreiche persönliche Erinnerungen.

Das Gasthaus “Zu den drei Eichen” blieb trotz der Verlegung des Kerbplatzes bis zur Schließung Anfang der siebziger Jahre Treff und Mittelpunkt der Haaner Kerb. Die Wirtsfamilien Leyer und später Gabele waren Jahr für Jahr eine wichtige Stütze der Haaner Kerbborsche, sei es bei der Aufstellung des Kerbbaumes, beim Zubereiten des traditionellen Eieressens oder bei der Bereitstellung eines Quartiers und einer Speisekammer.

Heute sind die meisten der traditionsreichen Gaststätten mit ihren Sälen und Biergärten verschwunden. Für den Kerbborscheball werden derzeit sporadisch die Turnhalle des Turnvereins bzw. der Burgkeller des Geschichts- und Heimatvereins genutzt. Die Haaner, wie auch die zahlreichen Besucher aus Nah und Fern, feiern nunmehr im Festzelt und in den Heckenwirtschaften der Hainer Vereine in ausgelassener Stimmung das fröhliche Fest.

Es ist den Hainer Vereinen zu verdanken, daß diese wieder Versammlungsräume zur Pflege des Kerbbrauchtums schufen. Die Freiwillige Feuerwehr gab anläßlich der 250. Haaner Kerb den Anstoß für den jährlichen Aufbau eines Festzeltes. Seit 1984 bereichern zahlreiche Hainer Vereine mit Heckenwirtschaften, die sich zunehmend aus der Altstadt in den Burgbereich zurückziehen, die Haaner Kerb. Auch der traditionelle Kerbfrühschoppen des Blasorchesters zieht alljährlich hunderte, die sich einstmals über die zahlreichen Hainer Wirtschaften verteilten, am Pfingstmontag in den Burggarten.

Bild: Gasthaus Zu den drei Eichen um 1920
Bild: Gasthaus Zu den drei Eichen um 1920

Bis zur Schließung im Jahre 1973 Domizil der Kerbborschen.

Zeit bis zum Bieranstich 2018:

208 Tage - 19 Std. 1 Min.

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