Die Hayner Reitschul'

Die Hayner Reitschul' in frühen Jahren
Die Hayner Reitschul' in frühen Jahren

Über den Werdegang der Hayner Reitschul’ wurde schon viel geschrieben. Die lange Tradition auf der Haaner Kerb, die Odyssee über den großen Teich und die glorreiche Rückkehr sind hinreichend bekannt. Selbst die deutschen Fernsehmacher von ARD und ZDF waren sich nicht zu schade, über die wohl einzigartige Verbundenheit der Dreieichenhainer mit einem Karussell, das sich eigentlich nur im Kreise dreht, zu informieren.

Wie kann es sein, daß die Bevölkerung einer Stadt dem alljährlichen Wiederaufbau entgegenharrt, daß sich sogar die Gestaltung des Stand- oder Burgplatzes den Dimensionen eines Karussells, das sich an nur 1,6 % aller Tage eines Jahres im Ort dreht, unterzuordnen hat? Der Glanz des Jugendstils, die Erinnerung an die gute alte Zeit können es nicht alleine sein. Die Verschmelzung der Reitschul’ mit der sie einrahmenden Amtskellerei, der Burgruine und dem “Wilden Mann” mögen dem gefühlsbetonten Kerbbesucher wärmende Geborgenheit spüren lassen. Doch die Anhänglichkeit vieler Hainer liegt wohl tiefer in der Seele verborgen.

Liegt es nicht daran, daß ein echter oder langjähriger Dreieichenhainer mit diesem Jugendstiljuwel aufwächst? Die erste Nach-Geburt-Kerb verbringt er wie seine und mit seinen Eltern in einer der vier Kutschen im Erdgeschoß. Im Kindergartenalter stellen die Pferde (im Hain auch Gäul genannt) und die Schaukelschiffe im Obergeschoß eine dem Alter angemessene Alternative dar. Mit der Pubertät folgt eine Phase der Enthaltung, das “Kleinkinderkarussell” wird verschmäht. Moderne Unterhaltungskarussells üben nun einen stärkeren Reiz auf die Magengegend aus.

So um die Zwanzig entdeckt man, möglicherweise über das Kerbborschedasein, die Reitschul’ aufs Neue. Der Weg führt in eines der beiden, etwas unscheinbaren Schnorr-Rädchen. Intensiver kann auch keine Achterbahn Sinne und Organe – nicht immer zum Positivem – anregen. Und das alles bei Handbetrieb.

Mit zunehmendem Alter läßt’s der Hainer angesichts des Ebbelwoi- und Bratwurstkonsums ruhiger angehen. Mit zunehmender Dunkelheit und abnehmender Nachwuchsschar werden die Schaukelschiffe erobert, bis aufkommende Enkel den Hainer wieder in die Kutsche verweisen.

Es scheint so, als würden Hainer und Reitschul’ gemeinsam aufwachsen, eine Feststellung, die sicherlich auf einen kleinen Haufen zutrifft. Es sind die Frauen und Männer von der “Interessengemeinschaft des alten Hainer Karussells e.V.”. Die Mitglieder dieses Vereins fanden sich 1980 zusammen, um das Geschenk (aller Geschenke) eines US-amerikanischen Vergnügungsparks an die Bürger von Dreieichenhain unter ihre Obhut zu nehmen. Damit nahmen sie aber im Gegensatz zum “Normalbürger” die Last und Freude auf sich, ihre Reitschul’-Liebe nicht auf nur sechs Kerbtage zu beschränken. “Schutz und Erhaltung des kunsthistorisch wertvollen und seltenen doppelstöckigen Karussells”, wie es in der Satzung heißt, sind damit zu einem nicht zu unterschätzenden Lebensinhalt von einigen Laien-Schaustellern geworden.

Erwartungsgemäß war vor der ersten Wieder-Drehung auf Dreieichenhainer Boden im Jahre 1980 eine monatelange Generalüberholung vonnöten. Seitdem nehmen die Investitionen in Zeit und Geld keine Ende. 1981 mußten die Dachplane und -kante erneuert werden. Im Jahr 1982 stellte der Ankauf von einem Packwagen und einer Rolle wieder die volle Mobilität des “Fahrgeschäftes” her. Trotzdem wurde dieses Jahr erstmals ohne rote Zahlen abgeschlossen.

Nachdem die Haaner Kerb im Jahre 1984 der Reitschul’ mit einem Getriebeschaden zusetzte, wurde im darauffolgenden Jahr der Antrieb samt neuer Antriebswelle von einer Frankfurter Dreherei komplett überholt. Dann machte auch noch im gleichen Jahr ein weiterer Schaden eine völlige Neukonstruktion des Mastkopflagers durch eine Schweinfurter Kugellagerfirma erforderlich. Das neue “Doppel-Rollen-Pendellager” ließ nun auch in das alte, aber nicht altersschwache Gefährt das High-Tech-Zeitalter einziehen.

Im Jahre 1987 setzte zur Abwechslung kein begrenzter Schaden, sondern ein Unfall (ohne Personenschaden) die Reitschul’ außer Betrieb. Eine halbe Nacht und ein halber Tag waren nötig, um die Hainer Kerbattraktion wieder in Drehungen zu versetzen. Noch in diesem Jahr entschlossen sich die Vereinsmitglieder, die übrigens zur aktiven Mitarbeit verpflichtet sind, zu einer zweiten Generalüberholung nach sieben Jahren. Im Zuge dieser Arbeiten wurde 1988 der Mast samt Mastlafette umkonstruiert. Seitdem braucht kein Kran mehr zum Aufstellen des Mastes angeheuert zu werden. Vielmehr bringt jetzt ein Traktor oder eine Zugmaschine den Karussellmittelpunkt in die Senkrechte. Zum Transport wurde zudem ein Einachser konstruiert, so daß sich nunmehr der Zeitaufwand zum Umlegen des Stahlmastes von 2,5 Stunden auf ordentliche zehn Minuten reduzierte. Auch der Einbau des Antriebes läuft jetzt spielend: 10 bis 15 Minuten statt 1,5 Stunden.

Die bislang angebrochenen neunziger Jahre schlossen natürlich auch nicht ohne Arbeit ab. In drei Jahren wurden mit Unterstützung von zwei Langenern, dem Kirchenrestaurator Kurt Haas und dem Kneipier Wolfgang Walter, die märchenhaften Deckenbilder restauriert.

Die “Mannen” von der Reitschul’ schlugen das Karussell zur Jubiläumskerb 1993 zum fünfunddreißigsten Mal auf. Natürlich sind die “Reitschul’-Manager” darauf bedacht, ihr “Fahrgeschäft” überwiegend im Hain aufzubauen, über die Stadtgrenzen hinaus drängt’s sie dennoch seit 1982. Seitdem ist die “Hayner Reitschul’” nämlich nicht mehr vom benachbarten Ebbelwoifest in Langen wegzudenken. Aber auch bei ersten Adressen hat die Reitschul’ bleibenden Eindruck hinterlassen: etwa beim Opernfest in Frankfurt, Jugendstilfest in Darmstadt, Geleitfest in Seligenstadt oder Burgfest in Dreieichenhain. Zahlungskräftige Firmen bekommen auch schon einmal in seltenen Fällen das Karussell in ihren Hof transferiert.

Den Rekord hält das Jahr 1989 mit vier Aufbauten. Ein sprunghafter Mitgliederzuwachs ermöglichte dies. Das gleiche Jahr brachte ein weiteres Superlativ. Nachdem sich das Karussell mehrere Tage vor einem Hainer Autohaus drehte, gelang es, im Angesicht der Sportkarossen die vielen Tausend Einzelteile in ganzen 12,5 Stunden zu verladen und zu verpacken. Zwei Jahre später wurde dieses Ergebnis an selber Stelle nochmals um zwei Stunden unterboten. Im Juni 1992 auf dem Langener Ebbelwoifest ein Gerüst die Zufahrt zum Schneidhiwwelplatz versperrte, brachten es sechs Karussellfreunde auf nur 15 Stunden Aufbauzeit.

Wozu diese Hetze und Plagerei? Mit einer pflegeleichten Kunststoffnachbildung “Made in France” ließe sich doch alles viel schneller und profitabler organisieren. Doch – es bringt einem Vereinsmitglied auch Bestätigung für das in der Freizeit Geleistete, wenn sich die Mitmenschen an einem der letzten und noch dazu (objektiv) schönsten Jugendstil-Doppelstockkarussell in Deutschland erfreuen können. Und außerdem: An Profit denkt keiner. Der Gewinn, den dieses einmalige (Bau-)denkmal abwirft, wird satzungsgemäß ausschließlich gemeinnützigen Zwecken zugeführt. “Vornehmlich unterstützt der Verein die Bemühungen der Kindergärten und Grundschulen um die kindgerechte Gestaltung ihrer Anlagen.” Vor diesem Hintergrund kann man – sollte man aber nicht – grübeln, ob ein Kirchweihfest oder ein Karussell gar eine soziale Einrichtung sein könnte. Oder?

Technische Daten der Hayner Reitschul’
Leergewicht: 20 Tonnen
Mastgewicht: 2 Tonnen
Höhe: 10,50 Meter
Oberer Durchmesser: 10,50 Meter
Unterer Durchmesser: 10,34 Meter
Bodenflächen: 86 m²
Felder (Stangenabstand): 16 Stück
Anschlußwert: 8 KW
Transporteinheiten: 2 Packwagen (10 und 12 m)
  1 Rolle (10,50 m)
  Einachser für Mast

Zeit bis zum Bieranstich 2018:

151 Tage - 7 Std. 19 Min.

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