Der Fahnenmaler

Haaner Kerbborsche 2004 mit ihrer Kerbfahne
Haaner Kerbborsche 2004 mit ihrer Kerbfahne

Die Philosophie eines Pinsels mit Farbe von Norbert Erb

Es klingt alles so einfach. Ein bisschen Farbe, ein wenig Stoff, rot und weiß, ein paar Vorlagen und schon ist die Fahne fertig.
Doch muß mehr dazu gehören, denn es soll schließlich eine Kerbfahne werden! Eine Fahne, die einen Jahrgang durch die Kerb begleitet und die in den nachfolgenden Jahren immer am Pfingstmontag fliegen soll. Eine Fahne, die Jahre und Jahrzehnte lang vor ihrem Jahrgang herwehen soll.

Für mich begann alles mit der 275. Kerb, der Kerb, die meine erste Fahne sehen sollte. Ich selber dachte gar nicht daran, aber ein gewisser Karl meinte damals (wörtlich): „ Du malst die Fahn’, weil du bist de Fahnemaler, waaßt, wie isch maan, weil du kannst des, kapiert?“ Na gut, dachte ich mir, probierst es halt, Befehl ist Befehl! Das war 1993, und seitdem habe ich mir eine gewisse Philosophie zurechtgelegt, was Kerbfahnen betrifft!

Es wäre ja nun einfach und ökonomisch, wenn man Kerbfahnen quasi „auf Halde“ vorproduzieren würde: weiße Seite mit Eichbaum und rote Seite mit Bembel! Man bräuchte nur noch den jeweils aktuellen Text hinzuzufügen. Schön! Einfach! Aber zu einfach! Denn jede Kerb ist neu, jeder Kerbborsche-Jahrgang zu individuell, um ihnen eine vorproduzierte Sache zu geben! So muß die Fahne eines Jahrgangs immer eine einzigartige Sache bleiben, ein einziges Mal auf dieser Welt, wie auch die Kerbborsche, die genauso einzigartig sind, jeder für sich!

So ist die Fahne ein Symbol, ein Zeichen, das bleibt, so wie die alte Fahne von 1903, von deren Kerbborsche keiner mehr da ist…, nur die Fahne, ein altes Foto noch, letzte Zeichen, dass es sie jemals gab!

Und ich sehe eine Aufgabe, eine Art von Auftrag, etwas für diese Tradition zu tun. Gerne lege ich mein ganzes Können in jede neue Kerbfahne, verwende Pinsel und Farbe, um jeden Jahrgang um diese Fahne zu versammeln, denn sie ist doch der Sammelpunkt für jeden Jahrgang!

Haaner Kerbfahne 2000 - Replikat der Fahne von 1903
Haaner Kerbfahne 2000 - Replikat der Fahne von 1903

Und was ist es manchmal schwierig, wenn so ein Stück Stoff bemalt werden soll! Was soll drauf, was kommt auf die weiße, was auf die rote Seite? Hochformat, Querformat, Schrift einfach, Schrift verschnörkelt, Bembel oder Haaner Motiv, was denn nun? Ich finde es immer wieder interessant und schön, mit den jungen Burschen des jeweiligen Jahrgangs zu reden, obwohl ich weiß, dass sie als zukünftige Kerbborsche so viel um die Ohren haben.

Und jedes Mal ist es für mich eine neue, eine schöne Erfahrung, eine Fahne zu malen, die Farbe auf diesen Stoff zu bringen, das ausgewählte Motiv zu fixieren, jedes Mal eine neue Herausforderung, wunderbar das Stück Stoff! Jede Fahne, die ich malte, ist die beste! Ob sie besonders groß ist, ein besonderes Motiv zeigt oder kleine versteckte Anspielungen enthält, das ist nicht wichtig: die Einzigartigkeit ist es!!!

Das alles klingt sehr poetisch, ist es auch! Man könnte jetzt endlos über das Thema philosophieren, aber im Grunde ist doch eines wichtig: Jeder Jahrgang hat die beste Fahne der Welt, weil irgendwo irgendwie eine Einzigartigkeit darin steckt, denn dieses flatternde, wehende Ding, das wir alle so toll finden, ist ein Stück von uns, die wir Haaner sind, und in dem wir merken, dass die 77er Gebietsreform nichts mit unserer Stadt und ihrer Kerb zu tun hatte.

Es stimmt, ein Haaner, der wegzieht, verbringt den Rest des Lebens damit, zurückzukommen! Ich kann es bestätigen: Pfingsten bedeutet für mich Kerb, egal, wo ich bin und in welcher Umgebung!! Es ist seltsam, aber diese Stadt hat einen gewissen Zauber, eine Magie, die die Ihren festhält! Ich war fort, so weit fort, aber immer wieder kamen mir die Tränen, wenn ich eine Eiche sah! Wenn man, so wie ich, das Glück hatte, in Dreieichenhain per Hebamme auf die Welt zu kommen und in keinem Krankenhaus, da ist man schon geprägt!!

Wenn denn ein jeder neuer Jahrgang mit mir seine Ideen für die Fahne bespricht, da denke ich oft an die Kerbborsche des jeweiligen Vorjahres. Auch sie haben ihre Gedanken, ihre Wünsche eingebracht, auch sie sind noch immer „ein prima Sauhaufen“! Aber ich weiß, auch sie werden in Zukunft ihre Fahne nur noch an einem einzigen Tag des Jahres hervorholen, sie schwenken und auch sie werden eines Tages immer weniger werden…!

Ich weiß nicht, wie und ob meine Vorgänger mit all diesen Gedanken umgegangen sind. Doch mir gehen diese Sachen nicht aus dem Kopf. Und da ist es nur ein kleiner Tribut an diesen Hain mit seinen festen Mauern, mit seinen Burschen und mit seinen…und so weiter. Darum laßt mich malen, malen bis zum Umfallen, denn ich bin halt ein HAANER, im Leben und danach…bitte auch!!!

Euer
Norbert Erb

Zeit bis zum Bieranstich 2018:

271 Tage - 21 Std. 28 Min.

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